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| Chronologie einer SehStörung |
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1989
am
1. November gehe ich - während eines Aufenthaltes im Gastatelier des
Künstlerhauses - mit einem bekannten zufällig über den Kommunalfriedhof
und stoße am Kriegerdenkmal auf einen großen Kranz mit schwarzen
Schleifen "Unseren gefallenen Kameraden der Waffen SS". DA ich
derartiges noch nie gesehen habe, bin ich wegen der demonstrativen
Dreistigkeit ziemlich erregt und wegen und wegen der offensichtlichen
Gleichgültigkeit der Friedhofbesucher verwundert. Daraufhin forsche ich
über die Geschichte der Stadt nach und entdecke ebenso Unsichtbares wie
Unglaubliches.
1993
da fast alle, die ich fragte, weder von
den Aufmärschen der Waffen SS noch von der Kranzschleife etwas wissen
oder meinen Berichten glauben, fahre ich wieder zum 1. November nach
Salzburg, um mich zu vergewissern, und erlebe einen Teil des
gespenstischen Aufmarsches der FPÖ und Kameraden mit. Blasmusik,
Marschformation in Reih und Glied sowie das Kommando "Kameradschaft
vier, nach vorne wegtreten" schlagen sich auf meinen Magen.
1994
1. November: Nach dem erneuerten
Aufmarsch der SS-Veteranen bringe ich zur besseren Sichtbarkeit und zur
Behebung einer Sehstörung einen Scherenschnitt an dem SS-Fetzen an. Das
führt zu Anzeigen, Vernehmung, hitzigen Debatten - auch in leserbriefen
- und zu einem Sturm der Alt -SSler auf die Galerie 5020, in der ich in
meiner Ausstellung "Realitäten" ein Enviroment eingerichtet habe - mit
der beschnittenen Kranzschleife. Sie drohen:"Auge um Auge, Zahn um
Zahn".
11. November:
Ein - dem Klang der Stimme
nach - älterer Mann mit Salzburger Tonfall droht per Telefon:"Ihnen
schicken wir auch noch eine Briefbombe zu." ich verständige Freunde,
Presse und Rundfunk.
18. November:
ein Herr Strobl von der BuPo
Salzburg erkundigt sich nach den Einkommensverhältnissen meiner eltern
für den fall, daß ich eine auferlegte strafe nicht bezahlen könnte. Er
weiß nichts von einer Briefbombendrohung und hält das für eine
"Schmähaktion" meinerseits. Die Polizei ermittelt nicht.
20.11. 1994:
Schriftliche Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft und der Bundespolizei werden nicht einmal best?igt -
geschweige denn verfolgt.
1995
lade ich nur ein, den anachronistischen
Zug der SS-Veteranen zu besichtigen und die "dekorative wirkung eines
Scherenschnitts selbst zu überprüfen", aber das führt offenbar nur zu
einem großen Polizeiaufgebot zum Schutze der SS-Schleife.
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