
Wolfram P. Kastner und und Franz Kochseder
München, 1995
Am Anfang dieser Straße liegt das Polizeipräsidium mit Untersuchungsgefängnis, am Ende die KZ-Gedenkstätte Dachau.
Das Projekt von Wolfram P. Kastner und Franz Kochseder versuchten 1995, 50 Jahre nach der Naziherrschaft eine Bestandsaufnahme heutiger Erinnerungsfähigkeit und Verdrängung. Als Spiegel hierfür dient Ihnen eine Straße, an der für viele ein langer Leidensweg begann, die für sie den Anfang vom Ende darstellte: der Weg vom damaligen Hauptquartier der Gestapo bis zum Konzentrationslager Dachau.
In diesem Kunstprojekt sind einige Fragen zu Erinnerungsvermögen und -unvermögen aufgeworfen und untersucht worden.
Diese Fragen richten sich an das heutige Bewußtsein, Wahrnehmung und Sensibilität für gegenwärtige und historische Strukturen, Formen und Inhalte.
Es geht nicht um die Nachzeichnung der geschichtlichen Realität von 1933-1945, sondern um den Blick darauf aus der Perspektive von 1995. Wir wählten eine Straße, die - 21 Kilometer lang - das Zentrum München mit einer weltbekannten Kleinstadt verbindet, die um ihren Ruf ringt. Am Anfang dieser Straße liegt das Polizeipräsidium mit Untersuchungsgefängnis, am Ende die KZ-Gedenkstätte: Dazwischen bietet sie ein beliebiges oder typisches, keinesfalls aber ein sehr interessantes Straßenbild. Unter dieser unauffälligen Allerwelts-Ästhetik ist einiges verborgen.
GEDÄCHTNISLÜCKEN - FRAGEZEICHEN - DENKANLÄSSE
Auf dem 21 km langen weg vom Polizeipräsidium München zum ehemaligen Konzentrationslager Dachau.

Im Polizeipräsidium in der Löwengrube 2 herrschten sehr bald nach der sogenannten Machtergreifung durch die Nazis der neue Polizeipräsident Heinrich Himmler und die SS mit Brutalität und Folter: Bereits am 22. März 1933 war das Konzentrationslager Dachau neben der dortigen SS-Kaserne errichtet und die Transporte von Häftlingen mit dem berüchtigten schwarzen Bus begannen. |
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Im Haus Löwengrube 16 wohnten die Verkäufer Rosa Fried und die Kontoristin Fanny Schmalzbach,
die am 20. November 1941 von der Geheimen Staatspolizei nach Riga "evakuiert" wurden (Gestapobericht über
die "Evakuierung von Juden"). Alle Deportierten wurden im Kaunas in Litauen erschossen.
In diesem Haus befand sich außerdem das Strumpfwaren-Geschäft der Frau Lilly Camnitzer,
das in der "Liste der geschlossenen jüdischen Einzelhandeslsbetriebe" (1939) erwähnt wurde.
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Die Haupt-Synagoge lag auf dem Weg nach Dachau. Sie wurde bereits am 10. 6. 1938 abgerissen, angeblich um Parkplätze zu schaffen. heute befindet sich dort lediglich ein Gedenkstein bzw. ein Kaufhaus.
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Im Justitzpalast verurteilte Freisler 1943 die Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Erst seit 1993 gibt es - nach einer Kunstaktion von Wolfram P. Kastner und anderen eine kaum sichtbare Gedenktafel, versteckt hinter einem Info-Ständer und einer gut sichtbaren Tafel mit der Aufschrift "Hunde mitbringen verboten".
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Gegenüber liegt der Neptunbrunnen des Nazi-Bildhauers Josef Wackerle . Die gesamte Anlage wurde 1937 mit großen Aufmarsch von Nazi-Prominenz, und Nazi-Volk eröffnet.
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In der Dachauer Straße 22 hatte der Kürschnermeister Elias Seligson bis 1933 ein Pelzhaus. Heute befindet sich dort die Konditorei Hölzl.
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Das Schuhgeschäft Deutsch-Amerikanische-Schuhgesellschaft des Kaufmanns Samuel Knobloch in der Dachauer Straße 26 wurde 1938 geschlossen und sollte "übernommen werden".
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In der Dachauer Straße 44 befanden sich die Firmen J. Adler OHG und S. Wilczynski +Co. (Beide wurden in einem "Verzeichnis der jüdischen Schuldner" des städtischen Vollstreckungsamtes 1933 aufgeführt).
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Das Haus Dachauer Straße 45 steht nicht mehr. Hier wohnten Mathilde Wolf und Theodor Jülich, die 1941 nach Kaunas deportiert und erschossen wurden.
Theodor Jülich wurde vorher schon in das Lager Milbertshofen eingewiesen.
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Im Haus Dachauer Straße 46 (Regina-Lichtspielhaus, heute: Theater für Kinder) wohnte im 2. Stock Elias Seligson, der bereits Ende 1933 nicht mehr gemeldet ist. Die Gründe sind unbekannt.
Theodor Jülich wurde vorher schon in das Lager Milbertshofen eingewiesen.
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Im Löwenbräukeller am Stiegelmaierplatz fanden ab 1939 die Feiern der "Alten Kämpfer" mit
der höchsten Naziprominenz und Hitlers Grundsatzreden statt, nachdem Hans Georg Elser den Bürgerbräukeller
gesprengt hatte. Außerdem wurden dort ständig Großveranstaltungen durchgeführt, wie z. B.
Reichsberufswettkampffeiern und NS-Mütterehrungen.
Die frühere Löwenbräu A.G. war Zielscheibe von Hetzkampagnen der Nazis wegen jüdischer Mitglieder
im Aufsichtsrat und im Vorstand.
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Das Haus Dachauerstraße 91 gehörte bis 1938 Leo Kohn. Näheres ist unbekannt.
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Das Heeresverpflegungshauptamt und die Heeresbäckerei befanden sich in der Dachauer Straße 98 und 98a.
KZ-Häftlinge mußten entlang der Dachauer Straße regelmäßig dorthin zum "Brot fassen" für die verschiedenen Lager.
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Zwischen der Lothstraße und der Lazarettstraße folgte dann entlang der Dachauer Straße die Max-II-Kaserne bis zum Leonrodplatz. Dort erhielt Hitler seine militärische Ausbildung.
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Gegenüber befinden sich die "Arbeiterwohnhäuser" der Stadt (Nr. 102-110). Im Haus Nr. 108 war ein Laden des Konsumverein Sendling.
Gleich zu Beginn des Jahres 1933 wird dem angeblich "marxistischen" Verein gekündigt, und der Laden wird dann von Nazis übernommen.
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Die Firma Cyclofertigte mit Zwangsarbeitern Zahnräder und Getriebe, wo heute die Polizei "Spurensicherung" betreibt. (Dachauer Straße114). Unmittelbar daneben stand ein Zwangsarbeitslager für diese Firma.
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Etwas weiter an der Dachauer Straße 128, wo heute Asylbewerber in Baracken hinter Maschendraht hausen, stand bis 1945 ein weiteres Zwangsarbeitslager. Verschämt lautete die Adresse dieser Einrichtung der Regierung von Oberbayern seit zwei Jahren: Rosa-Luxemburg-Platz.
Die "Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber" besteht aus Baracken in offenbar "zeitloser" Form, getüncht nach den Vorschlägen einer Künstlerin und gilt als "Mustereinrichtung".
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Unmittelbar daneben schließt sich die Zentralverwaltung des Goethe-Instituts an. Die Adresse Dachauer Straße 128 wurde verwandelt in Helene-Weber-Allee 1. Dort liegt der unsscheinbare Hinterausgang, das repräsentative Portal dagegen an der Dachauer Straße.
Nach langem hin und her in der Dachauer Straße!
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Gegenüber der Heideckstraße (immer noch Nr. 128) steht auf dem Bundeswehrgelände das offenbar im Krieg zerstört und in veränderter Form wieder errichtete Kriegerdenkmal für die Eisenbahnpioniere. Nicht weit entfernt davon stand die Adolf-Hitler-Kaserne.
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Kurz vor der Landhuter Allee war die Einfahrt zum Flughafen Oberwiesenfeld. Hier erfreuten sich viele Münchner an den Flugtagen der Reichsluftwaffe und begrüßeten den "Führer", wenn er die Hauptstadt der Bewegung besuchte. Anzunehmen ist, daß entlang der Straße viele Menschen anläßlich dieser Besuche Spalier standen.
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Ein Kriegsgefangenlager befand sich 1941-1945 unmittelbar vor der Borstei (nach dem Bauunternehmer Borst benannt, der die Wohnanlage als Gegenmodell zu den Genossenschaften baute und während der NS-Zeit zum Senator h.c. avancierte).
Die Bewohner der Borstei erzielten bei der Reichstagswahl am 5.3.1933 die höchste Stimmzahl für NSDAP. Hier wohnten der Führerstellvertreter Rudolf Heß und der Oberlehrer und Nazi Josef Dolch, der drei Geistliche denunzierte und ins Zuchthaus brachte.
Im zweiten Stock des Hauses Dachauer Straße 142 (Borstei) wohnten Max und Isabella Eisenmann sowie Bernhard Pappenheimer. 1937 starb Max Eisenmann, seine Witwe zog 1938 um und ist ab 1939 nicht mehr gemeldet. Der Textilwarenvertreter Pappenheimer ist ab 1936 nicht mehr gemeldet.
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Das Dante-Stadion war auch schon vor 1933 Schauplatz vieler NS-Veranstaltungen
und Startpunkt des größtenmilitärischen "Ritter-von-Epp-Gebäckmarsches", der entlang der Dachauer Straße bis nach Dachau führte.
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Gegenüber in der Gaststätte "Zum Deutschen Reich" / Dachauer Straße 143 fanden bereits 1919 und 1920 Versammlungen der Deutschen Arbeiter Partei mit Hitler als Redner statt. Sicher war die unmittelbare Nähe zu den Kasernen der Landespolizei und des Heeres für die Wahl dieses Lokals entscheidend.
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In der Dachauer Straße 187 im 1. Stock hatte Dr. Fritz Feuchtwanger seine Praxis, bis er 1937 vor den Nazis floh und nach England emigrierte. Anschließend übernahm Dr. Julius Mainzer als praktischer Arzt die Praxis, dessen Spur sich 1938 verliert.
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An der Dachauer Ecke Leipziger Straße gab es ein weiteres Zwangsarbeitslager der Firma BMW - offenbar direkt neben der Schule. Dort steht auch noch eine Baracke, die aus jener Zeit stammen könnte.
Ein Zwangsarbeitslager für die Moosacher Ortsbauernschaft befand sich an der Dachauer / Pelkovenstraße.
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Dachauer Straße 667: auf dem heutigen Werksgelände von MTU und MAN produzierte bis 1945 BMW mit KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen für die deutsche Kriegsmaschine. Auf dem Gelände der heutigen MAN-Werkswohnungen und Parkplätze standen drei Lager: Die Arbeit in diesen Lagern war für sehr viele tödlich.
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Autor: Katrin Maria Schilf
Kamera: Rainer Moeller
Schnitt: Silvia Huber Video: ca. 5 MB
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