Der Nationalsozialismus hat in den Jahren seiner Herrschaft Millionen von Menschen vernichtet. Opfer gnadenloser und systematischer Verfolgung wurden vor allem Juden und Jüdinnen und als rassisch minderwertig bezeichnete Menschen wie Sinti und Roma. In Kärnten verfolgten die Nationalsozialisten zudem besonders Angehörige der slowenischen Volksgruppe. Wer dem NS-Regime aus politischen, ideologischen, religiösen, sexuellen oder sozialen Gründen nicht genehm war, musste ebenso mit Verfolgung rechnen, wie jene, die dem NS-Regime nicht Folge leisteten oder ihm gar Widerstand entgegensetzten.
Der millionenfache und planvoll betriebene Mord an den europäischen Juden wurde zum Großteil in den Vernichtungslagern im besetzten Polen (Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno, z.T. Majdanek, Auschwitz-Birkenau) ausgeführt. Viele der Täter in diesen Lagern stammten aus Österreich, einer der Hauptverantwortlichen für die Organisation des Massenmordes in den Vernichtungslagern war der Kärntner Odilo Globocnik. Einige seiner engsten Mitarbeiter kamen ebenfalls aus Kärnten.
Hunderttausende Menschen wurden in Konzentrationslagern von den SS-Wachmannschaften getötet, etwa in Mauthausen, Dachau, Buchenwald, San Sabba, Jasenovac oder Dora/Nordhausen. Sie wurden erschossen, erhenkt, totgeschlagen oder starben an Unterernährung, Krankheiten und Erschöpfung durch die Sklavenarbeit in den angeschlossenen Steinbrüchen und Industrieanlagen.
Diese Tatsachen sind allgemein bekannt. Zugleich scheint es, als sei das alles fern von uns passiert und es gebe eine große zeitliche und räumliche Distanz zwischen uns und diesen Untaten. Das stimmt nicht. Die Menschen, die von den Nazis in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern getötet worden sind, lebten zuvor in Städten und Dörfern. Dort wurden sie festgenommen, dort wurden sie „abgeholt“, dort waren sie vorher denunziert worden, dort begann ihr Leidensweg. Die zentrale Idee des Nationalsozialismus – der Antisemitismus – wurde von weiten Teilen der Bevölkerung geteilt, die Aussonderung, Vertreibung und Deportation der jüdischen Bevölkerung wurde gut geheißen, direkt oder indirekt profitierte die „arische“ Bevölkerung davon auch in beträchtlichem Ausmaße materiell, nicht-jüdischen Widerstand dagegen gab es nur vereinzelt.
In den Dörfern des Oberen Drautales gab es vor 1938 keine jüdische Bevölkerung, deshalb gibt es auch keine jüdischen Opfer. Die jüdischen Familien, die bis 1938 in Spittal und Lienz gelebt hatten, wurden vertrieben oder im Holocaust getötet.
Im Oberen Drautal lieferten Anhänger und Funktionäre des NS-Staates Menschen der fürchterlichen Gewaltmaschinerie des NS-Staates aus – weil sie als politische Gegner galten, weil sie sich abfällig über den Führer und den deutschen Angriffskrieg äußerten, weil sie aus religiösen Gründen nicht an diesem Krieg teilnehmen wollten, weil sie aus der Wehrmacht desertiert und sich den Partisanen angeschlossen haben, weil sie den Widerstand unterstützt oder ihre Eltern dies getan haben, weil sie zu unwertem Leben erklärt worden sind, weil sie willentlich oder unwillentlich gegen andere spezifische NS-Gesetze verstießen.
Diese vielfältige Verfolgung verweist auf einen Aspekt des Nationalsozialismus, der nach 1945 vor allem in Deutschland und Österreich gerne hervorgehoben und herausgestrichen worden ist, nämlich der des Terrors und der Unterdrückung. Doch dass das NS-Regime ein Terrorregime gewesen sei, ist nur die halbe Wahrheit. Die Forschungen über die nationalsozialistische Gesellschaft (die Volksgemeinschaft) haben gezeigt, dass ein großer Teil der Bevölkerung sowohl in Deutschland als auch in Österreich dem NS-Regime zugestimmt hat und es loyal mitgetragen hat. Dies gilt nicht nur für die Kriegspolitik (vor allem solange sie siegreich war), sondern auch für das Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung (der Antisemitismus als ein zentrale, Konsens stiftende Idee), die Verfolgung politischer und ideologischer Gegner sowie jener Menschen, die allgemein als Schädlinge der Volksgemeinschaft gegolten haben (Behinderte, "Asoziale", "rassisch Minderwertige").
Mir scheint es also wichtig, sich zwei Aspekte vor Augen zu halten:
1. Ein Weg nach Auschwitz kann in Steinfeld beginnen, ein Weg in die Sklaverei der unterirdischen Waffenfabriken des KZ Mittelbau-Dora in Dellach, einer in die Hölle von Dachau in Greifenburg, in Oberdrauburg oder Dellach, der Transport in das KZ Buchenwald kann in Berg beginnen, jener zur Euthanasie in Dellach und Greifenburg. Widerstandskämpfer wurden in Dellach und Greifenburg erschossen. Wenn wir vor unserer Haustüre die Lebensfäden von verschwundenen Personen aufnehmen, landen wir in den Zentren des Terrors und der Vernichtung. Das ferne Auschwitz, das ferne Mauthausen wird so zu einem Ort – wie der Klagenfurter Pädagoge Peter Gstettner sagt – zu einem Ort vor unserer Haustüre. Die Spurensuche vor der eigenen Haustüre – in unserer unmittelbaren Umgebung - kann die NS-Vergangenheit in ihrer ganzen Tiefe und Tragweite aufdecken.
2. Die Verfolgten wurden in vielen Fällen nicht von (anonymen) GESTAPO-Männern abgeholt, sondern vor Ort bei der Gendarmerie oder NSDAP-Stellen (dem Ortsgruppenleiter etc.) angezeigt und dann von der Gendarmerie an die GESTAPO in Spittal/Drau oder Lienz ausgeliefert. An der Verfolgung von Freiheitskämpfern (z.B. der Partisanengruppe um Stefan Hassler) oder entflohenen Kriegsgefangenen nahmen große Teile der männlichen Bevölkerung teil (Landwacht, Volkssturm), dabei wurden mehrere Menschen erschossen. Das heißt, Teile der örtlichen Bevölkerung waren in die Verfolgung aktiv involviert, vielleicht sogar unsere Großväter oder andere Verwandte.
Diese Erkenntnisse sind schwer zu akzeptieren. Man wehrt sich instinktiv dagegen. Eine Täterschaft oder Mittäterschaft von Verwandten oder Personen, denen man nahe steht und von denen man gut behandelt worden ist, ist für viele schwer zu begreifen. In Österreich und Deutschland sind nach 1945 regelrechte Entlastungsdiskurse entstanden, in denen versucht wurde, diesem zutiefst unangenehmen und auch persönlichen Konflikten auszuweichen. Doch meines Erachtens ist nirgends mehr „aus der Vergangenheit zu lernen“, als in diesem Spannungsfeld, das uns am nächsten ist. Auch wenn in diesem Projekt die Biographien der Opfer im Vordergrund stehen sollen, dürfen wir diesen Aspekt der „nahen Täter und Mitmacher“ niemals vergessen. Es geht mir deshalb in diesem Projekt nicht nur um die Opfer aus dem Oberen Drautal sondern auch um jene, die egal warum und woher sie kamen, im Oberen Drautal verfolgt worden sind.
von Peter Pirker
VORGESCHICHTE
Faschismus und ihre Anfänge in Österreich
Engelbert Dollfuß - Arbeitermörder. Die österreichische Volkspartei (ÖVP) feiert heute noch gerne Dollfuß als Kämpfer gegen den Nationalsozialismus und als Helden für die österreichische Staatlichkeit, obwohl historisch schon längst widerlegt und nicht mehr haltbar.
Dollfuß schaltete das Parlament 1933 aus.
Die Geschäftsordnungskrise des Nationalrates sollte durch eine neue Zusammenkunft gelöst werden. Dollfuß hinderte die Parlamentarier mit Waffengewalt daran.
Das war nichts anderes als ein Putsch.
Lange vor dem Widerstand des Republikanischen Schutzbundes gegen Dollfußens Diktatur war sich Dollfuß mit Mussolini einig, dass die austromarxistische Sozialdemokratie als erstes ausgeschaltet werden müsse. (Das Belegt ein ausfürlicher Briefwechsel, den Autor Kindermann verschweigt (Buch über Dollfuß).
Als einzigen politischen Willensträger ließ er die Vaterländische Front zu. Er regierte mit Notverordnungen und führte das Standrecht und die Todesstrafe wegen des nationalsozialistischen Terrors ein. Er schuf mit der Maiverfassung 1934 einen autoritären Ständestaat und stützte sich vor allem auf die katholische Kirche, die Heimwehr und die Bauern.
1934 schloss er mit dem Heiligen Stuhl ein Konkordat und räumte durch die "Römische Protokolle" mit Italien und Ungarn Mussolini bedeutenden Einfluss auf die österreichische Innen- und Außenpolitik ein.
Seit der Parlamentsausschaltung tat das Regime auch nichts anderes, als gegen die Sozialdemokratie vorzugehen. Vereinslokale wurden unter dem Vorwand, nach Waffen zu suchen, zerstört - ja sogar Schulen der Stadt Wien wurden verwüstet.
Die Gemeinde Wien wurde finanziell ausgehungert, Versammlungen der Sozialdemokratie wurden immer wieder aufgelöst und die sozialdemokratische Presse unter Vorzensur gestellt. Und das alles vor dem 12. Februar 1934. der Schutzbund war verboten, die paramilitärischen Heimwehren des Regimes jedoch nicht! Diese wurden zum großen Teil als Hilfspolizei eingesetzt.
Der 12. Februar 1934 war der letzte verzweifelte Versuch der Sozialdemokratie, die Republik zu verteidigen. Er musste scheitern. Was Kindermann zu den Hinrichtungen schreibt, ist historisch falsch: es wurden weit mehr Sozialdemokraten standrechtlich hingerichtet. In einigen Fällen wurden Schutzbündler von Heimwehrverbänden sogar massakriert. Der steirerische Schutzbund-Offizier und Sozialdemokratische Funktionär Kolomann Wallisch wurde Monate später in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und vom Regime ermordet. Sogar konservative Juristen jener Zeit sahen darin ein Justizverbrechen.
In seiner Bild- und Symbol-Sprache war der austrofaschistische Staat eine gelungene Kopie des deutschen Nationalsozialismus, die Österreich hervorragend auf 1938 vorbereitet hat.
Eine faschistische Diktatur mit einigen “austriakischen” Besonderheiten. Kein Wunder, dass die letzten europäischen Demokratien, Frankreich und England, sich 1938 den Verlust von Österreichs Staatlichkeit nicht sonderlich aufregten. Zudem begründete das Regime seine Ablehnung des Nationalsozialismus ja nicht mit demokratischen, menschenrechtlichen Werten, sondern mit fundamentalistisch - klerikalen und größenwahnsinnig - deutschen Argumenten.
Bewusst wird dies alles verschwiegen, weil sich anders die These vom glänzenden "Widerstandskämpfer" gegen den Nationalsozialismus nicht halten ließ.
Dollfuß wurde 1932 nicht von der CSP (Christlich Sozialen Partei) zum Bundeskanzler gewählt. Nach der Verfassungsreform von 1929 wurde der Bundeskanzler der Republik vom Bundespräsidenten ernannt. Bundespräsident Wilhelm Miklas ernannte Dollfuß nach Konsultationen mit allen Parteien im Nationalrat als Chef einer Koalitionsregierung, unter anderen mit dem Bauernbund. Natürlich war Dollfuß vorher von seiner Partei als Verhandlungsführer nominiert worden; trotzdem macht das einen Unterschied.
Die Vaterländischen Front habe sich als erste militant zur österreichischen Eigenstaatlichkeit bekannt ist ein Märchen dass noch heute von "Historikern" (!) verbreitet wird. Auch das ist falsch. Nach der Machtergreifung der NSDAP haben sich alle Parteien in Österreich (bis auf die NSDAP natürlich) zur Eigenstaatlichkeit bekannt. Die erste Partei war übrigens lange vorher die Kommunistische Partei Österreichs (20er Jahre), die freilich nicht im Nationalrat vertreten war.
Fazit: Der Christlichsoziale Bundeskanzler und nachmaligen Austro-faschistische Diktator Dollfuß war nicht nur ein schmieriger Austro-Faschist sondern auch ein Arbeitermörder, seine Kumpane - der Bauernstand und die Katholische Kirche.
Der österreichische wie auch der deutsche Staat und seine politischen Repäsentanten tun sich auch nach "62 jähriger" Aufarbeitungszeit" verdammt schwer mit der Wahrheit.
Da wird in Deutschland, schnell mal nach 62 Jahren ein ehemaliger "Blutrichter" der NS-Zeit, von Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger zum Widerständler erklärt!
Und in Österreich wird der Faschistische Diktator Dollfuß vom katholischen Klersus und den ÖVP-Ex-Bundeskanzler als Freiheitskämpfer gefeiert!
von Johann Türk