VERFOLGUNGEN - WIDERSTAND
Ich möchte jetzt einige Beispiele für Verfolgungen unter dem NS-Regime geben. Es handelt sich dabei um eine Auswahl und keineswegs um eine vollständige Darstellung. Weiters muss ich gleich betonen, dass die Verfolgungsgeschichte der einzelnen Personen keineswegs erschöpfend erforscht ist. Ganz im Gegenteil. Die folgenden Darstellungen geben im wesentlichen meinen bisherigen Wissensstand zu diesen NS-Opfern wieder, ohne dass ich sehr ins Detail gehen werde.
Ich gehe chronologisch vor – und versuche zugleich, auf verschiedene Aspekte des breiten Verfolgungsspektrums der Nationalsozialisten hinzuweisen. Ich berücksichtige dabei nicht nur Menschen, die getötet worden sind, sondern auch jene, die eingesperrt wurden, ihre Verfolgung mit Glück überlebten oder deren weiteres Schicksal mir noch nicht bekannt ist.
von Mag. Peter Pirker
Ansichten aus Oberkärnten
Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Österreich am 11. und 12. März 1938.
Josef Nischelwitzer
geb. 27.11.1912 in Irschen - gest. 1987 Klagenfurt
Zu diesem Zeitpunkt befand sich Josef Nischelwitzer bereits auf der Flucht. Josef Nischelwitzer und Johann Türk sind Beispiele dafür, dass die Verfolgung von politisch andersdenkenden Menschen in Österreich nicht mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begonnen hat, sondern schon mit der Ausschaltung der Demokratie durch das christlich-soziale, klerikale, autoritäre Regime von Engelbert Dollfuss im Jahre 1933.
Nischelwitzer wurde am 27.11.1912 in Irschen geboren, sein Vater war Land- und Forstarbeiter, er wuchs in Dellach auf und wurde Bauarbeiter. In Dellach trat er der Sozialdemokratischen Partei bei, war dort bei der Gründung des Arbeiter-Radfahrervereines aktiv und begann schon als 20-Jähriger sich gewerkschaftlich zu betätigen. Er war einer Organisatoren des großen Streikes auf der Baustelle der Großglockner-Hochalpenstraße, störte im Drautal schon früh Veranstaltungen der Nazis und als 1933 die linken Partein verboten wurden, gründete er in Dellach eine illegale Gruppe des sozialistischen Schutzbundes.
Als am 12. Februar 1934 der Arbeiter-Aufstand gegen das Dollfuß-Regime fehlschlug, und viele junge Arbeiter vom Verhalten der sozialdemokratischen Führung enttäuscht waren, trat Nischelwitzer wie mit anderen Dellacher Arbeitern der illegalen KPÖ bei und wurde in ein Verteilernetz für Flugschriften eingebaut. In den folgenden Jahren war Nischelwitzer für die KPÖ organisatorisch tätig, zunächst in Oberkärnten, dann auf Landesebene und schließlich übernahm er auch österreichweite Aufgaben.
Im November 1936 wurde er deshalb von der Dellacher Gendarmerie festgenommen, von Bezirksgericht Greifenburg aber mangels Beweisen freigesprochen. Spätere Verhaftungsversuche schlugen fehl, da Nischelwitzer bereits verdeckt lebte.
Im Januar 1938 fehlte er als Hauptangeklagter bei einem Prozess in Klagenfurt. Er bereitete sich in Wien auf die Flucht ins Ausland vor. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis wurde Nischelwitzer von der GESTAPO verhaftet und wurde am 1. April mit dem ersten Transport aus Österreich – dem sogenannten Prominententransport - in das KZ Dachau verschleppt.
Josef Nischelwitzer hat in einigen Artikeln über die Sklavenarbeit in den verschiedenen KZL, über die Schläge und die schlechte Ernährung, die willkürlichen Tötungen von Häftlingen und anderen Grausamkeiten berichtet, die ihn sein Leben lang nicht mehr los gelassen haben. Er hat die siebenjährigen Qualen überlebt.
Bis Mai 1942 war er im KZ Dachau, dann bis Juni1943 im Außenlager des KZ Mauthausen in St. Lambrecht in der Steiermark; am 30. Juni 1943 wird sein Arbeitskommando in das KZ Mauthausen gebracht, bei der Ankunft lässt die SS ausgehungerte Hunde auf den Trupp los. Sie zerrissen am Appellplatz, dort wo heute der 100.000 getöteten Mauthausen-Häftlinge aus ganz Europa gedacht wird, vierzehn Menschen.
Als Nischelwitzer am Appellplatz eintraf, waren die Hunde schon satt, wie ein Funktionshäftling meinte. Die nächste Station ist das Außenlager in Gusen, wenige Kilometer von Linz entfernt. Nur drei von etwa hundert Menschen, mit denen Nischelwitzer 1944 vom Außenlager St. Lambrecht nach Mauthausen bzw. Gusen gebracht wurde, haben die Befreiung durch die amerikanischen Truppen Anfang Mai 1945 erlebt.
Josef Nischelwitzer war nach der Befreiung Redakteur der kommunistischen Zeitung „Volkswille“. Er war einer jener Antifaschisten in Kärnten, die hier trotz heftiger Gegentendenzen versucht haben, die Verbrechen der Nazis aufzudecken, an die vielen Ermordeten zu erinnern und sich für NS-Opfer einzusetzen.
Im März 1938 begannen die Nationalsozialisten mit der Ausschaltung ihrer Gegner.
In Dellach im Drautal taten sie sich damit zunächst überraschend schwer – zumindest in einem Fall.
Die lokalen Nazis nahmen bekannte Kommunisten und Sozialisten zwar sofort fest, einer der aktivsten, Johann Türk, entkam ihnen aber. Er hielt sich einige Tage lang am Oberberg vermutlich beim Zeber versteckt, unterstützt wurde er von Georg Flaschberger. Nach seiner Rückkehr verhinderten demonstrierende Arbeiter in Dellach seine Verhaftung.
Am 3. Oktober 1938 gingen die Nazis wieder systematisch gegen Kommunisten und Sozialisten im ganzen Land vor. Im Oberen Drautal wurden mehrere Personen wegen Hochverrat in Verwahrungshaft genommen und mehrere Wochen im Amtsgericht Greifenburg eingesperrt. Den Arbeitern wurde Mitgliedschaft bei der verbotenen KPÖ bzw. Agitation für sie vorgeworfen. Unter ihnen waren etwa Karl Kircher aus Berg, aus Dellach, Johann Türk und Josef Niedermüller, aus Greifenburg Josef Breinegger. Wie aktiv politische Delikte verfolgt wurden, zeigt eine Zahl aus dem Gendarmerieprotokoll Dellach.
Allein im Jahre 1938 verzeichnete der Posten insgesamt 96 politische Anzeigen.
von Mag. Peter Pirker
Johann Türk
geb. 4.11.1903 in Aich/Spittal/Drau - gest. 1964 Spittal/Drau
Johann Türk stammt aus einer kinderreichen Bauarbeiterfamilie, mit neun Jahren musste er auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse Arbeit in der Landwirtschaft annehmen.
Mit 14 Jahren begann er eine Lehre als Maurer.
Am 15. August 1919 trat er der freien Baugewerkschaft bei und nahm in der Folgezeit aktiven Anteil bei den großen Bauarbeiterstreiks in Kärnten und Salzburg.
1925 wechselte er den Beruf in einem chemischen Betrieb in Oberkärnten und wurde dort zum Betriebsrat gewählt, dessen Funktion er zwei Jahre ausübte.
1928 kandidierte er abermals bei einer großen Baufirma als Betriebsrat, wurde aber von der Firma aus diesem Grunde entlassen.
Seit 1925 war er Funktionär der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und betätigte sich Aktiv an dieser Arbeit und baute in Dellach/Drau einen örtlichen Schutzbund auf, zu dessen Ortsobmann er gewählt wurde.
In Folge der Wirtschaftskrise wurde er arbeitslos und wurde daraufhin ausgesteuert.
1933 arbeitete er beim freiwilligen Arbeitsdienst und wurde auf Grund seiner fachlichen Qualifikation von der Kärntner Landesregierung angestellt.
Gründung einer illegalen Schutzbundortsgruppe in Dellach; Aufbau eines illegalen Verteilernetzes für Flugschriften zwischen Spittal/Drau, Oberkärnten und Lienz, Osttirol sowie ins Gail- und Gitschtal.
Seine Aufgabe war, sofort eine Sitzung der ehemaligen sozialdemokratischen Funktionäre einzuberufen, bei der er seinen sofortigen Beitritt zur illegalen Kommunistischen Partei Österreichs erklärte. Ein Aufruf in dem illegalen kommunistischen Zentralorgan „Rote Fahne“ an alle Schutzbündler seinen Beispiel zu folgen wurde veröffentlicht.
In diesem Jahr (1933 !) wurde bei ihm wegen Verdachtes des Kurierdienstes für den illegalen Schutzbund die ersten Hausdurchsuchungen vorgenommen.
Am 12. Februar 1934 wurde er durch das austrofaschistische klerikale Dollfußregime wegen Verdacht des Hochverrats und Aufruhr verhaftet und in das Landesgericht Klagenfurt eingeliefert.
Das zuständige Bezirksgericht (Spittal/Drau) erstattete gegen ihn die Standsgerichtsanzeige, die aber für das Standgericht nicht ausreichte und der Tatbestand von einem ordentlichen Gericht untersucht werden musste. Nach ein paar Wochen Haft wurde er in Freiheit gesetzt.
von Johann Türk